Rückblick: Tragung „FemiCare und MaskuWork. Geschlechtlichkeiten im Feld der Sorgearbeit“

12.12.2016

War Fürsorge immer schon Frauensache? Woher kommt der Ruf nach mehr Männern in Pflegeberufen, und welche Annahmen liegen ihm zugrunde? Ändert mehr Technik in der Pflege Geschlechterdynamiken? Ende November widmete sich eine Tagung mit und für Expert*innen aus Politik, Wissenschaft, und Verbänden genau diesen Fragen. Die Veranstaltung ist die erste öffentliche Tagung des multidisziplinären Bayerischen Forschungsverbundes ‚Gender und Care. Dynamiken von Fürsorge im Kontext von Institutionen, Technik und Medien in Bayern’ (ForGenderCare). 

Über die Geschlechterordnung und Fürsorgepraktiken prähistorischer Menschen können wir nur sehr wenig wissen. Forschungsberichte und populärwissenschaftliche Medien vermitteln jedoch eine völlig anderes Bild: Frauen hätten sich immer schon gekümmert und nur die Männer seien auf die Jagd gegangen und gesellig gewesen. Die Archäologin Brigitte Röder zeigte in ihrem Vortrag zu ‚Care in der Urgeschichte’ auf, dass archäologische Funde häufig so interpretiert werden, dass sie in das heutige Bild von Familie und Gesellschaft passen. Sie bereitete damit den Boden für die Diskussion äußerst aktueller Zusammenhänge und Herausforderungen: Fürsorge wird mit Weiblichkeit in Verbindung gebracht, ist häufig schlecht -  wenn überhaupt - bezahlt, und ist moralisch hochgradig aufgeladen. Gleichzeitig stellen der demographische Wandel, der Wunsch nach einem geschlechtergerechten (Zusammen)Leben, Globalisierung und Digitalisierung bestehende Arrangements von Geschlecht und Fürsorge zunehmend auf den Prüfstand.

In sechs Panels, besetzt mit Gästen aus Verbänden, Beratungsstellen, Wissenschaft und Medien, wurden die Verflechtungen von Geschlecht (gender) und Fürsorge (care) unter die Lupe genommen: So ist die Frage, was aktuell als öffentlich und was als privat gilt, wesentlich für die Anerkennung von Fürsorge als Arbeitstätigkeit. Die Soziologin Karin Jurczyk (München/ForGenderCare), der Blogger und Autor Jochen König und Thomas Bannasch von der Landesarbeitsgemeinschaft Selbsthilfe Bayern zeigten auf, wie unterschiedlich Privatheit und  – exemplarisch – Männlichkeit miteinander verknüpft sein können – für einen bloggenden Vater, dessen Privatleben teilweise digital öffentlich ist, und als Mensch mit Behinderung, für den Teilhabe auch bedeuten muss, über Assistenzleistungen selbst entscheiden zu dürfen. 

Ein Panel zu historischen Dynamiken, besetzt mit den Historikerinnen Susanne Kreutzer aus Münster und Sylvia Schraut aus München, gab zu bedenken, dass Fürsorgetätigkeiten für Frauen immer auch emanzipatorischen Gehalt hatten und, beispielsweise als Diakonissen, ein zeituntypisches Maß an personaler Autonomie ermöglichten. Erziehungsratgeber, lange als reine Mütterratgeber verfasst und erst im späteren 20. Jahrhundert langsam zu Elternratgebern umgeschrieben, verdeutlichten sich wandelnde Familienideale, wie der Soziologe Karl Lenz aus Dresden aufzeigte.

Ob und wie transkulturelle Dynamiken Verhältnisse von gender und care verändern, diskutierten Sophie Elixhauser und Isabelle Riedling vom Verband binationaler Familien und Partnerschaften mit dem Landshuter Sozialpsychologen Mihri Özdoğan und der Münchener Soziologin Maria Rerrich von der Hochschule München. Unstrittig war, dass vermeintliche kulturelle Unterschiede häufig eher entlastende Interpretationen familiärer oder partnerschaftlicher Herausforderungen sind. Wie sehr rassistische Alltagserfahrungen Teil transnationalen Familienlebens sind, wurde eindrücklich sichtbar. Deutlich wurde auch, dass aktuelle Care-Arrangements im öffentlich-privaten Lebensort Haushalt häufig nur deshalb praktikabel sind, weil Migrantinnen als Haushaltshelferinnen prekär beschäftigt werden.

Die Forderung nach “mehr Männern“ in Pflege- und Erziehungsberufen und Sozialer Arbeit wurde in einem weiteren Panel aufgegriffen. Frank Luck von der Universität Basel machte auf die Vielfalt von Männlichkeitskonzepten aufmerksam, die auch einer Hierarchisierung unterliegen. Renate Kosuch, Sozialpsychologin an der TH Köln, und  Almut von Woedtke, Gleichstellungsfachfrau aus Hannover, diskutierten problematische Aspekte bei Männerförderung in klassischen Frauendomänen wie Pflegeberufen, etwa wenn dabei Frauen zugeschriebene Tätigkeiten und Fertigkeiten erneut entwertet werden.

Im Panel ,Alles was Recht ist?' diskutierten Expert*innen über soziale und genetische Verwandtschaft. Kathrin Peltz und Luisa Streckenbach, die zu bayerischen Vätern in Elternzeit forschen zeigten auf, dass das Elterngeld als staatliche Leistung nicht per se die egalitäre Arbeitsaufteilung in Paarbeziehungen fördert und homosexuelle Paare für den Elterngeldbezug mehr Voraussetzungen erfüllen müssen als Heterosexuelle. An dieses Thema knüpfte die Autorin Stephanie Gerlach an, die die rechtliche Situation von Regenbogenfamilien darstellte. Abschließend zeigte Gesine Agena, die frauenpolitische Sprecherin von Bündnis 90/DIE GRÜNEN, alternative Konzepte und Ideen zur Familienförderung auf, die auch eine soziale Elternschaft rechtlich absichern und längere Phasen der Familienzeit ermöglichen sollen.

Im fünften Panel mit dem Titel „FemiCare & MascuTech: Technische Veränderungen und ihre Auswirkungen im Feld der Fürsorgearbeit“ wurde diskutiert, welche Auswirkungen und Möglichkeiten technische Veränderungen im Care-Bereich mit sich bringen und wie sie die Vergeschlechtlichung von Care beeinflussen. Sabine Erbschwendtner (Vallendar), beleuchtete aus einer historischen Perspektive Dynamiken der Professionalisierung von Pflege im Spannungsfeld dieser einerseits weiblich konnotierten Profession und des Einsatzes männlich konnotierter Technik. Anschließend warf Susanne Ihsen (Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften, TUM) im Rahmen ihres Vortrags einen kritischen Blick auf die Herausforderungen und Möglichkeiten technischer Veränderungen im Care-Bereich und die Möglichkeiten eine gender- und diversitygerechten Technikgestaltung im Care-Bereich.

Pressemitteilung zum Download hier!

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