Care macht sich nicht von allein

24.04.2018

Paula-Irene Villa im taz lab über kapitalistische Vorzeichen in der Care Arbeit

Von Sonja Lindhauer

Kochen, einkaufen, putzen, Angehörige pflegen, Kinder großziehen, Zeit für sich haben, die Katze füttern – und auch noch Geld verdienen? Wenn die Soziologin und Professorin für Gender Studies Paula-Irene Villa diese Liste an Aufgaben vorträgt, erscheint sie einem endlos. Und unmöglich. Trotzdem ist dieser Spagat zwischen Privatleben und Beruf für viele Menschen Alltag, besonders für Frauen.

Anstatt der vieldiskutierten gender pay gaps wendet sich ihr Vortrag entsprechend dem gender care gap zu, denn dieser „ist und bleibt systematisch groß“. Frauen leisten 52 Prozent mehr unbezahlte Arbeit für sich und für andere als Männer, quer durch alle Bildungs-, Berufs- und Altersgruppen sowie unterschiedliche Haushaltskonstellationen. Villas zahlreichen Statistiken ist zu entnehmen, dass dies an der ungleichen Verteilung von Voll- und Teilzeitarbeit zwischen den Geschlechtern liegt. Wäre es damit getan, den Zugang zur Vollerwerbstätigkeit für Frauen zu erleichtern? Mitnichten! Denn: „Care macht sich nicht von allein.“

Die einzige Lösung besteht deshalb häufig in der Externalisierung von Care-Arbeit, solange es die finanziellen Ressourcen zulassen. Wenn die Tätigkeiten von kochen bis Katze füttern entlang der globalen Betreuungsketten von Arbeitsmigrant_innen übernommen werden, bleibt für die weiße, westliche Mittelschichtsfrau genug Zeit, Geld zu verdienen. Und wenn sie Glück hat, kann sie sich auch noch um sich selbst zu kümmern. Hier hakt Villa ein: Die Weitergabe von Care-Arbeit werde die Situation nicht lösen – in einem globalen kapitalistischen System liegt der Grund dafür auf der Hand.

Und doch bedarf der Kapitalismus der stetigen Reproduktion von Arbeitskraft. In einem kurzen historischen Exkurs umreißt Villa die gleichzeitige und miteinander verwobene Entstehung der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaft und der Idee der radikalen Dualität der Geschlechter, die Frauen die natürliche Fähigkeit der auf andere gerichtete Mütterlichkeit zuschreibt. Trotz inzwischen drei Wellen feministischer Theorie und Bewegung strukturiert diese Annahme auch heute noch unsere Realität.

Entgegen der ursprünglichen marxistischen Idee von Arbeit als Transformation der Welt, versucht die kapitalistische Gesellschaft Inklusion nicht über Arbeit im Allgemeinen, sondern über die Erwerbsarbeit zu integrieren. Und das ist, laut Villa, zum Scheitern verurteilt. Denn letztlich lassen sich Bedürfnisse und Beziehungen nicht vollends rationalisieren. Sie sind, wie Villa in ihrem abschließenden Plädoyer feststellt, so viel mehr als nur mühsame Arbeit, Privat- und Intimsache oder ein Vereinbarkeitsproblem.

Man will Villas Idee einer „Ethik der bedingten Autonomie“ zustimmen, die Care als notwendigen und sinnvollen Bestandteil des Lebens aller begreift. Nur wie das gehen soll, ist noch nicht so ganz klar. Unkonkret ist die Rede von „atmenden Lebensläufen“, in denen Care-Arbeit nicht die Ausnahme ist, sondern institutionell ermöglichtes Sich-Umeinander-Kümmern. Naja, mal sehen. Erstmal die Katze füttern.

Link zum Artikel: http://blogs.taz.de/tazlab/2018/04/22/care-macht-sich-nicht-von-allein/

<- Zurück zu: Aktuelles