Sich um (sich und) andere sorgen. ‚Care‘ - als grundlegendes Prinzip einer kritisch-dekonstruktiven Ethik

Das Teil-Projekt fragt nach der Möglichkeit, ob und wie ›Care‹ in ein ethisches Modell integriert werden kann, das Moralität als relational und bedingt auffasst. Dieses ethische Modell verschiebt die Grundbegriffe der maßgebenden Ethik der Gegenwart, die insbesondere mit der Aufklärung und Kant verbunden wird: Diese geht von einer universellen Vernunft aus, die souverän zur Autonomie fähig ist und folglich souverän bzw. unbedingt das Handeln bestimmt. Entsprechend beanspruchen ›vernünftige‹ Normen universelle, d. h. situationsunabhängige Geltung. An diesem Modell ist aus verschiedenen Gründen viel Kritik geübt worden – in jüngerer Zeit auch von der Entwicklungspsychologin Caroll Gilligan in ihrem Klassiker "In a different voice. Psychological theory and women’s development" (1982). Dadurch wurde u. a. eine Debatte angestoßen, ob eine geschlechtsspezifische Moral bzw. ›Care‹-Ethik sinnvoll und zielführend ist – diese fortzuführen ist kein Anliegen dieses Forschungsprojektes. Stattdessen wird die für alle Menschen gleichermaßen geltende grundlegende Bedingtheit und fortwährende Angewiesenheit auf andere zum Ausgangspunkt der ethischen Theoriebildung gemacht. Auf diese Weise soll die Möglichkeit eröffnet werden, ›Care‹ als sorgende Verbundenheit mit anderen, d. h. als (Für)-Sorge-Praxis in das ethische Modell als universellen, aber auch normativen Aspekt zu integrieren.

Das Projekt greift somit nicht nur diejenigen (auch dekonstruktivistischen) Kritiken am Kantischen Ethik-Modell auf, die sich gegen die Ausblendung der stetigen Abhängigkeit unserer selbst von zahlreichen Bedingungen, aber auch gegen die Ausblendung der praktischen wie theoretischen Genealogie von Autonomie wenden. Es versucht auch, ›Care‹ als ein konstitutives universelles Element in das ethische Modell zu integrieren, statt – wie noch bei Gilligan und anderen – nach einem Modell zu suchen, das auf einer wie auch immer begründeten Geschlechterdifferenz beruht.

Prof. Dr. Tatjana Schönwälder-Kuntze, Ludwig-Maximilians-Universität München (Philosophie)

Publikationen:

Tatjana Schönwälder-Kuntze (vorauss. 2017): ‚Partizipative Subjektivität. Sartre mit Butler quergelesen‘. In: Alfred Betschart (Hrsg.). Demokratie in der Krise – die politische Philosophie des Existentialismus heute. Bonn: Peter Lang.

Tatjana Schönwälder-Kuntze (2016): ‚Media matter – Anmerkungen zur vielschichtigen Wirkmächtigkeit medialer Differenzierungen‘. In: Sigrid Kannegießer und Alexander Filipovic (Hrsg.) (2016). Eine Frage der Ethik? Eine Ethik des Fragens – transdisziplinäre Untersuchungen zu Medien, Ethik und Geschlecht. Weinheim: Juventa, 33-47

Tatjana Schönwälder-Kuntze (2016): ‘Deconstructive Ethics – Handling human plurality (shaped) by normative (enabling) conditions’. In: Christoph Lütge und Nikil Mukherji (Hrsg.) (2016). Order Ethics: An Ethical Framework for the Social Market Economy. Heidelberg: Springer, 181-193