Zum Begriff ‚Care‘

Unsere Gesellschaft befindet sich derzeit in einem tiefgreifenden Wandel, der auf das Engste verwoben ist mit dem generellen und in Deutschland besonders markanten sozialen Wandel von der Industriegesellschaft hin zur globalisierten und beschleunigten Dienstleistungs- und Wissensökonomie. Dieser Wandel berührt auch und wesentlich die Organisation von Care (Fürsorge). Care wird verstanden als die Gesamtheit der gesellschaftlich und individuell notwendigen Formen der Fürsorge und Pflege von Menschen inklusive der Tätigkeiten, die zur Wiederherstellung von Gesundheit, Arbeitskraft oder Leistungsfähigkeit notwendig sind, aber auch vielfache Formen des Sich-Kümmerns, die darüber hinaus gehen. Neue Erwerbsarbeitsmuster, pluralisierte Familienformen, veränderte Leitbilder von Mutter- und Vaterschaft, gewandelte verwandtschaftliche Versorgungsnetze sowie die Professionalisierung von bislang eher privat und unentgeltlich verrichteter Tätigkeiten (Pfleger älterter Menschen z.B, Ganztagsbetreuung von Kindern, Hausarbeit usw.) bedingen eine Neuformierung von Care.

Bei aller Vielfalt der gesellschaftlichen Transformationen ist derzeit eines unbestreitbar: Care bzw. die Sorge um Andere macht sich nicht (mehr) ‚von allein’ und auch nicht mehr als ‘natürlicher weiblicher Liebesdienst’. Care wird damit zum Gegenstand politischer, juristischer, medialer und nicht zuletzt individueller und familialer Gestaltung. In den vielen Formen fürsorglicher Praxen werden multidimensionale (intersektionale) Formen sozialer Differenzierung und Ungleichheiten wirksam: Nationale Zugehörigkeit, Geschlecht, Region, Bildungsgrad, Sexualität, Alter etc. prägen wesentlich die Art und Weise, in der Care organisiert, gedeutet, bewertet und konkret praktiziert wird. In welcher spezifischen Form auch immer dies geschieht, Care betrifft alle Menschen, da es zu den existentiellen Voraussetzungen jedes Lebens gehört.